• DE

Quasi-Mäeutik

Der antike Philosoph Platon beschreibt in einer seiner Dialog-Schriften, dem "Theätet", sein Grundverständnis da­von, wie Menschen Erkennt­nis­se zu ‚ver­mitteln‘ sei­en. Nach seiner Auffas­sung  stellen die­se sich nicht dadurch ein, dass man belehrt wird, sondern es ist der kri­tische Dialog, in dem  ein unter­stützender Gesprächspart­ner Erkenntnisse evoziert. Platon stellt Sokrates als einen Lehrer dar­, der nicht lehrt, son­dern der gei­stige Geburtshilfe (Mäeutik) leistet. Im "Theätet" lässt er Sokrates zu seinem Schüler sagen:

„[...] ich bringe keine klugen Gedan­ken her­vor [...] Ich selber bin also überhaupt nicht klug [...] Dagegen lassen einige von denen, die mit mir zusammen sind, an­fangs zwar recht we­nig an Klugheit sehen, aber im Laufe un­se­res Zu­sam­men­seins ma­chen alle [...] für sich selbst und auch die anderen über­ra­schen­de Fort­schrit­te. Und dabei ler­nen sie of­fen­sichtlich nie auch nur irgend etwas bei mir, sondern fin­den selber viele her­vorragende Wahr­heiten bei sich her­aus und bringen sie hervor.“

In Anlehnung an dieses Sokratische Prinzip sprechen wir bei dem von uns praktizierten Bera­tungs­­­an­satz von Quasi-Mäeutik. Wir nehmen als Berater gegenüber unserer Klientel eine Haltung des fraglosen Respekts vor den Ein­schätzungen und Überlegungen jeder ein­zel­nen Person ein. Nur mit dem (und nicht gegen den) Erkenntnisstand unseres Gegenübers ist die Entwicklung weiterer, darauf aufbauender Erkenntnisse möglich - wozu wir ausdrücklich auch zählen, dass die Klärung suchende Person bisher Gedachtes sukzessive gedanklich verwirft. Letztlich aber ist es die Person selbst, die sich durch Gebrauch der eigenen Vernunft hinterfragt, korrigiert und weiterentwickelt.

Sokrates hat sich gegenüber seinem Gesprächspartner mäeutisch eingebracht, um ihm den Gewinn philosophischer Erkenntnisse zu ermöglichen. Sein Handeln ist in erster Linie bestimmt durch seine Haltung (griech.: areté) gegenüber dem Dialogpartner, die gerade nicht "besserwisserisch" ist, sondern im Dienst "wahrer" Erkenntnis steht. Sokrates' Mäeutik als eine (Frage-)Methode zu begreifen, wäre ein Missverständnis, das z.B. durch die Bezugnahme auf die Praxis der Elenktik (griech.: Kunst der Überführung) und der Protreptik (griech.: Kunst der Hinwendung) leicht entstehen kann. An keiner Stelle geht es um ein sophistisches Argumentieren.

Leonard Nelson verdeutlicht diesen Haltungsaspekt des Gesprächsleiters im Rahmen einer mäeutischen Vorgehensweise in seinem sog. neosokratischen Ansatz. Klärung suchende Personen sind nicht zu "überführen" oder "hinzulenken", sondern ihnen ist das Erkennen möglicher Widersprüchlichkeit von Gedanken als Ausgangspunkt und Chance für die eigene Hinwendung zur wahren Erkenntnis zuzugestehen.

Unser Beratungshandeln zielt auf pragmatische Erkenntnisse im Berufsalltag ab. Aus Respekt vor dem Anliegen des antiken Philosophen und der Denktätigkeit des Philosophierens sprechen wir im Kontext unserer Beratungskonzepte daher von Quasi-Mäeutik.

Bei der Erarbeitung eines kollegialen Konsenses ist diese Grundhaltung von entscheidender Bedeutung, um den kontroversen Diskurs der Kolleginnen und Kollegen konstruktiv nutzen zu können. Als Experten für nicht-direktive Gesprächsführung (im Sinne Carl Rogers'), die eine bedeutsame Methode für diesen Beratungsansatz darstellt, bringen wir dabei unserer Klientel uneingeschränktes Ver­trau­en in ihre intellektuelle Redlichkeit entgegen.

Der Erfolg institutioneller Programmentwicklung fußt auf dem gesamtkollegialen Konsens als eine ge­mein­sam gewonnene Einsicht. Die o.g. Be­ra­tungs­haltung ist eine unverzichtbare Ermöglichungs­bedingung des Prozesses.