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Schulentwicklung

"Schulentwicklung gescheitert" - so lautete im Jahr 2013 der reißerische Titel einer Buchveröffentlichung, die vermeintlich als Abrechnung mit den Mitbestimmungs- und -gestaltungsbemühungen für Lehrerinnen und Lehrer seitens der bundesdeutschen Bildungsreformer gelten sollte. Wenngleich die ersten großen Schulentwicklungsvorhaben in den 1990er Jahren sich oftmals tatsächlich in unendlichen Prozessen scheinbar ergebnislos in kollegialer Entmutigung totgelaufen haben, so muss doch zugestanden werden, dass der konzeptionelle Kerngedanke als begrüßenswert und einem modernen Schulwesen angemessen zu bewerten ist. Auch ist zu konstatieren, dass Institutionen stets einer Veränderung - mithin Entwicklung - unterliegen, allein schon deshalb, weil alte Beschäftigte gehen und junge ihre Stelle einnehmen. Insofern kann Schulentwicklung niemals scheitern!

Es stellt sich aber die Frage, ob die unaufhaltsame Weiterentwicklung eines (schulischen) Systems von den in ihr tätigen Menschen proaktiv und systematisch gestaltet oder ob sie den Koinzidenzen institutioneller Pragmatik überlassen wird. Wer also vom Scheitern schulischer Entwicklung spricht, hat sich den Zufälligkeiten des Alltags überantwortet - oder keine Ideen, wie ein institutioneller Entwicklungs- und Veränderungsprozess so systematisiert werden kann, dass diejenigen, die in der Einrichtung verantwortungsvoll tätig sind, zu gestaltenden Subjekten eines modernen und zukunftsorientierten Bildungsbetriebes werden resp. diesen Status aktiv ausfüllen können.

Betrachtet man zudem die von vielen Schulen veröffentlichten sog. Schulprogramme und/oder Leitbilder, dann fällt auf, dass es sich bei diesen - vermeintlich institutionelle Individualität wiederspiegelnden - Aussagen zumeist um allgemeingültige Affirmationen des pädagogischen Mainstreams oder der bildungsrechtlichen bzw. -politischen Vorgaben handelt. Die Schriften erinnern eher an einen Rechenschaftsbericht der jeweiligen Schulen gegenüber der Schuladministration, als an die Darlegung von schulischen Entwicklungsperspektiven, mit denen - von den dort tätigen Pädagogen in den Blick genommen - auf die jeweiligen besonderen institutionellen Bedingungen reagiert wird.

Somit werden die meisten Schulprogramme ihrer Bezeichnung nicht gerecht: Mit dem Begriff "Programm" ist eigentlich die Niederschrift eines vorgesehenen Ablaufs von Arbeitsgängen bezeichnet. Sie dient dazu, die nach einem Plan genau festgelegten Einzelheiten von Vorhaben zu realisieren. Ein Schulprogramm ist somit eine dezidierte Konzeption zur (systematischen, d.h. auch: absichtsvoll angestrebten) Veränderung der in diesem Programm fokussierten Schule. Von einer systematischen Entwicklung kann man allerdings nur dann sprechen, wenn das Programm nicht nur eine Ansammlung von Maßnahmen und Handlungsperspektiven auflistet, sondern diese ausdrücklich auch anvisierten Zielen zuordnet sind. Wenn dann noch diese Ziele ihrerseits nicht nur beliebig aufsummiert sind, sondern miteinander in Relation gebracht wurden, dann kann man von einem (Schul-) Programm sprechen, das systematisch ist und das vor allem als sinnvoll (d.h. einer inneren Sinnstruktur unterliegend) betrachtet werden kann.

Schulentwicklung im Sinne einer nicht-zufälligen, sondern erwünschten Weiterentwicklung ist insofern untrennbar mit schulprogrammatischer Arbeit verbunden. Aber Schulprogrammarbeit ist, als ein Teil von Schulentwicklung, nicht mit dieser gleichzusetzen - sie ist vielmehr Planungsarbeit, um Schulentwickluing zu systematisieren.

Insofern ist Schulentwicklung kategorial neben Tätigkeitsbereiche wie beispielsweise Unterricht oder Erziehung einzuordnen. So wie die Planung einer Unterrichtseinheit (oder -stunde) für sinnvollen Unterricht notwendig ist, so ist die Erarbeitung einer Programmatik notwendig für sinnvolle Veränderung des Schulstandortes mit allen seinen Eigenschaften. Und so, wie die Durchführung von Unterricht mehr als nur dessen Planung ist, so gehören zur Schulentwicklung zahlreiche andere Tätigkeitsfelder wie beispielsweise die kollegiale Reflexion, die potenzielle Bearbeitung von Konflikten im Kollegium (oder mit der Schulleitung), die Weiterentwicklung struktureller lokaler Bedingungen, die Sicherung von Unterrichtsqualität, die Einführung von blended-learning-Strukturen (z.B. iserv oder itslearning) etc.

Der große Unmut, der in vielen Kollegien gegenüber der administrativen Vorgabe zum Erstellen von Schulprogrammen vorherrscht, ist zuallererst darin begründet, dass die damit verbundenen Tätigkeiten dem Sinnlosigkeitsverdacht unterliegen. In einer Zeit größter beruflicher Belastetheit durch die immensen pädagogischen Aufgaben, die Lehrer heutzutage zu bewältigen haben, ist dieser Vorbehalt nachvollziehbar und wohlbegründet - allerdings nur dann, wenn Schul"programme" nicht dem vorgesehenen Charakter einer Programmatik gerecht werden, um auf diese Belastungsmomente adäquat zu reagieren. Pseudoprogramme, die (triviale) Affirmationen, (überflüssige) Rechenschaftsberichte oder öffentliches Promoting sind, bedeuten in der Tat nichts anderes als sinnlose Zusatzarbeit für Kollegen!